Qualitätskriterien für Social Web-Angebote für Kinder


Überlegungen auf der Grundlage der Erfurter Netcode Kriterien

Zusammenfassung

1. Transparenz und Vertrauen

Mitmachangebote für Kinder im Internet stehen nur Kindern offen und sind entsprechend ihren Interessen strukturiert. Handhabung und Struktur der Angebote werden Kindern und ihren Eltern transparent gemacht, Betreuung und Hilfestellungen werden angeboten. Kinder agieren selbstbestimmt, es wird kein Handlungs- oder Konsumdruck auf sie ausgeübt. Die Öffentlichkeiten, die ein Angebot herstellt, sind transparent.

2. Jugendmedienschutz

Anonyme Kommunikation ist ebenso wie verbindliche Kommunikation mit verifizierten Klarnamen ein geeignetes Mittel, um den größtmöglichen Schutz von Kindern zu erreichen. Je nach der Struktur des Angebots, der angestrebten Öffentlichkeit, dem Grad der Betreuung und Moderation sowie den Kommunikationsinteressen und -kompetenzen der Zielgruppe ist der optimale Weg zu wählen. Kinder gestalten und kontrollieren ihre virtuellen Kommunikationsräume dabei soweit möglich selbst und eigenverantwortlich - Hilfe durch Erwachsene steht bei Bedarf bereit. Über sensible Maßnahmen zur Einhaltung des Jugendmedienschutzes hinaus findet keine Einschränkung der Kommunikations- und Informationsfreiheit von Kindern statt.

3. Medienkompetenz

Social Web-Angebote unterstützen Kinder bei der medialen Selbstdarstellung und bieten altersgerechte Formen zur Erprobung gesellschaftlicher Partizipation. Kinder agieren in transparenten, sicheren Teilöffentlichkeiten und kontrollieren den Grad der Öffentlichkeit ihrer Kommunikation selbst. Fehlverhalten muss revidierbar bleiben, Profile und Inhalte müssen gelöscht werden können. Die Anbieter unterstützen selbst- und sozialverantwortliches Verhalten der Nutzenden.

4. Werbung und Verkauf

Werbung ist als solche zu erkennen. Werbung und Inhalte sind getrennt, Werbebotschaften sind nicht Teil der Individualkommunikation auf Social Web-Plattformen und stehen nicht im Vordergrund der Angebote. Werbefreiheit ist ein besonderes Qualitätsmerkmal.

5. Datenschutz und Privatsphäre

Anbieter orientieren sich an den jeweils optimalen Möglichkeiten des Datenschutzes. Daten werden sparsam erhoben und nicht verwertet. Sensible Daten werden nur über die Eltern der Nutzenden erhoben. Online kursierende personenbezogene Daten sind bestmöglich gegen den Zugriff von außen gesichert.


Erläuterungen

Angebote im Bereich des Social Web für Kinder umfassen interaktive Internetseiten, auf denen Kinder eigene Inhalte einstellen und mit anderen Nutzenden kommunizieren können. Die Funktionen des ‚Mitmach-Webs‘ ergeben sich aus den Möglichkeiten, Freundschaften und andere soziale Kontakte zu pflegen, Selbstdarstellungen online zu veröffentlichen und Selbstdarstellungen anderer zu rezipieren, Inhalte zu veröffentlichen und Inhalte anderer zu kommentieren und zu bewerten sowie themenbezogene Interessengruppen zu bilden. Die bei Kindern populärsten Angebote im Social Web sind Chats, Social Communities, Video- und Fotoplattformen, spielorientierte Plattformen sowie Club- und Netzwerk-Angebote, die sich konvergent an andere Kindermedien anschließen.

Der Erfurter Netcode unterstützt den Verhaltenskodex für Betreiber von Social Communities, den die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) gemeinsam mit Anbietern entwickelt hat, um grundlegende normative Anforderungen an solche Angebote im Sinne des Jugend-, Daten- und Verbraucherschutzes zu formulieren (vgl. http://www.fsm.de/de/Web_2_0). Darüber hinaus nimmt der Erfurter Netcode speziell die jüngsten Nutzenden des Social Web in den Blick und formuliert im Folgenden Qualitätskriterien für Social Web-Angebote, die Kinder als Zielgruppe haben.

Social Web-Angebote für Kinder dürfen im Sinne des Jugendschutzes die Entwicklung der Heranwachsenden nicht beeinträchtigen oder gefährden. Sie müssen Heranwachsenden in positiver Weise ermöglichen, Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, selbstgesteuerte Lern- und Bildungsprozesse in Gang zu setzen und spezifische Kompetenzen (inhaltliche, soziale, methodische, persönliche Kompetenzen) zu erwerben, wenn sie den Qualitätsstandards heutiger Wissens- und Bildungskindheiten genügen wollen.

Wie in jedem Raum, in dem Kinder agieren, vollziehen sich auch in den virtuellen Kommunikationsräumen des Social Web Sozialisationsprozesse. Im Mittelpunkt der sozialisatorischen Aufgaben der Social Web- Angebote für Kinder stehen
a) die Arbeit an der eigenen Identität in einem sicheren sozialen Raum (Probehandeln, gelingende Darstellung der eigenen Person, Schutz der Privatsphäre) und
b) die Aneignung von Medienkompetenzen im Kontext von interaktiv strukturierten Internetangeboten und in Bezug auf eigene sowie von anderen Nutzenden erstellte Inhalte.

Ein Schwerpunkt der Medienkompetenzen, die sich auf die Angebote des Mitmach-Web beziehen und sich im Umgang mit ihnen herausbilden, ist die Fähigkeit und Bereitschaft, in der Online-Kommunikation Verantwortung für sich selbst und Verantwortung für andere zu übernehmen.

Um Kinder bei der Aneignung des Internet als Raum der sozialen Kommunikation zu unterstützen, haben Social Web-Angebote daher folgende Kriterien zu erfüllen:

1.      Transparenz und Vertrauen
A. Social Web-Anbieter für Kinder stellen die größtmögliche Sicherheit dafür her, dass die Angebote nur von Kindern genutzt werden und für Erwachsene nicht zugänglich sind. Die Nutzenden wissen, wer das Angebot einstellt, mit welchen Funktionen und zu welchen Zwecken. Sie können sich darauf verlassen, dass die Inhalte, die sie rezipieren und die sozialen Kontakte, die sie schließen gemäß ihres Alters und ihrer Interessen strukturiert sind.

B. Die Anbieter machen Kindern und Eltern Struktur, Regeln und Prozesse des Angebots transparent und bieten jederzeit einen konkreten Ansprechpartner, an den sich die Nutzenden bei Fragen und Problemen wenden können. Die Fragenden erhalten eine möglichst zeitnahe Rückmeldung. Die Rechte und die Fürsorgepflicht der Eltern werden ernst genommen, die Eltern werden insbesondere bei jüngeren Kindern und bei Einsteigern in Entscheidungsprozesse eingebunden.

C. Social Web-Angebote für Kinder respektieren das selbstbestimmte Handeln von Kindern und beeinflussen sie nicht in ihren Entscheidungen über den Umfang und die Intensität ihrer Beteiligung. Insbesondere soll über Anreizsysteme und Eigenwerbung der Angebote kein Handlungs- oder Konsumdruck ausgeübt werden.

D. Die Struktur der Öffentlichkeit, in der nutzergenerierte Inhalte einsehbar sind, ist für Kinder transparent. Kinder können sich darauf verlassen, dass ihre eigenen Inhalte in keiner anderen als der bewusst selbst gewählten (Teil-) Öffentlichkeit wahrnehmbar sind.

2. Jugendschutz
Das jeweilige Angebot bietet über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus einen möglichst umfassenden Schutz von Heranwachsenden.

A. Generell bieten sich zwei Wege des Schutzes an: Erstens Anonymität, die es Kindern erlaubt, ohne die Veröffentlichung ihrer Klarnamen oder anderer personenbezogener Daten ein Angebot zu nutzen; zweitens nicht-anonyme, verbindliche Kommunikation, die die Nutzenden in die Verantwortung für ihr Handeln nimmt und dafür geeignete Vorgaben macht. Je nach der Offenheit des Angebots für größere oder eingeschränkte Nutzergruppen, der Alters- und Interessenstruktur der Nutzenden sowie der gegebenen Intensität der Moderation und Betreuung ist der Weg zu realisieren, der den größtmöglichen Schutz von Kindern gewährleistet.

Grundlegendes Qualitätsmerkmal der anonymen Kommunikation registrierter, verifizierter Nutzerinnen und Nutzer ist, dass bei der Registrierung die größtmögliche Sicherheit dafür angestrebt wird, dass nur die Zielgruppe das Angebot nutzen kann und die Eltern in den Prozess der Dateneingabe (insbesondere sensibler Personendaten) eingebunden sind. Zur Sicherheit der Teilnehmenden sollte die Regel gelten, dass den Anbietern die Identität der Nutzenden bekannt ist. Die Anbieter sichern den Schutz dieser personenbezogenen Daten und ermöglichen die anonyme Kommunikation der Nutzenden untereinander. Heranwachsenden muss transparent gemacht werden, dass sie geschützt kommunizieren, dass sie aber bei Verstößen und Problemen zur Verantwortung gezogen werden.

Für die nicht-anonyme Kommunikation gilt, dass Sicherheit für Kinder über die Einschränkung des Kreises der Nutzenden bzw. die Einschränkung ihrer öffentlichen Darstellung hergestellt werden kann. Eine Möglichkeit wäre die intensive Betreuung und Moderation kleinerer Gruppen von Beteiligten, die auch außerhalb des Netzes in Kontakt stehen (Schulklassen, Projektgruppen). Diese Form bietet zugleich gute Voraussetzungen für die pädagogisch angeregten und betreuten ersten Schritte im Social Web. Kinder, die im Social Web bereits Erfahrung gesammelt haben, sollen die Möglichkeit haben, selbst eingeschränkte Nutzergruppen zu bilden, die sie selbst moderieren und kontrollieren. Eine andere Möglichkeit wäre die Einschränkung der öffentlichen Sichtbarkeit der Kommunikation. Heranwachsende nutzen öffentliche Kommunikationsangebote häufig auch für private Botschaften. Die Möglichkeit einer sicheren privaten Kommunikation stellt eine Herausforderung für Social Web-Angebote auf Kinderseiten dar. Die nicht-anonyme Kontaktaufnahme von Community-Nutzenden kann in privaten Chaträumen oder anderen Kanälen zur ‚privaten Individualkommunikation‘, die nur den Beteiligten zugänglich sind, stattfinden. Denkbar wäre eine durch Eltern autorisierte und verifizierte Form des Kontaktes. Dazu müssen die Identitäten der Kinder, die Social Web-Angebote für die private Individualkommunikation nutzen wollen, mit Klarnamen sowohl den Anbietern als auch den Kindern und Eltern bekannt sein.

B. Inhalte, Moderation, Mediation. Die Inhalte werden den Ansprüchen des Jugendmedienschutzes gerecht: nicht nur sollte sichergestellt sein, dass jugendmedienschutzrelevante Inhalte nicht kommuniziert werden, es sollten auch bestimmte Inhalte wie Toleranz und soziale Verantwortung gefördert werden. Die Kontrolle der Inhalte und des Kommunikationsstils sollte auf zwei Ebenen möglich sein:
1. Eine Mediation von Konflikten durch (ausgesuchte) Kinder selbst.
2. Eine Kontrolle durch Erwachsene bei schweren Verstößen oder Konflikten, die die jeweilige kindliche Netzgemeinde nicht selbst lösen kann.

Kinder müssen wissen und sicher sein, dass sie sich bei Problemen an jemanden wenden können. Die Ansprechpartner sind bekannt. Es sollte aber deutlich sein, dass die Kommunikation unter Gleichaltrigen nicht von Erwachsenen generell zensiert wird. Die Möglichkeit der Beschwerde und der Weg, Hilfe zu erhalten, sollten einfach und transparent sein; die Reaktionszeiten auf Anfragen so kurz wie möglich.

C. Abgesehen von den notwendigen und sensibel eingesetzten Maßnahmen zur Sicherheit und zum Einhalten des Jugendmedienschutzes werden Kinder nicht ihrer Kommunikations- und Informationsfreiheit und ihrer Teilhabe an der Online-Kommunikation eingeschränkt. Die Kontrolle und die Eingriffe durch Anbieter, Eltern und andere Stellen beschränken sich auf das Mindestmaß und greifen darüber hinaus nicht in die Aneignungs- und Gestaltungsprozesse von Kindern ein.

3.      Medienkompetenz
Social Web-Angebote sollten Kinder in die Lage versetzen, die technischen Möglichkeiten dieser Angebote kennen zu lernen, sich ihre Bedienung anzueignen und die Angebote für eine gelingende Selbstdarstellung, soziale Selbstverortung und gesellschaftliche Partizipation einzusetzen. Dieser Anspruch beinhaltet auch die Möglichkeit, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Fehlertoleranz bei Social Web-Angeboten umfasst
a) die Erprobung von Online-Handlungen in eingegrenzten geschützten Öffentlichkeiten,
b) den Schutz vor sozialer Diskreditierung,
c) die Möglichkeit Profile und Inhalte zu löschen und zu verändern,
d) Rat und Hilfe bei der Erstellung von Profilen und Inhalten.

Die Regel lautet: vom Privaten zum Öffentlichen in Stufen bei gewährleisteter Transparenz des Angebots und seiner Öffentlichkeitsstruktur und die bewusste Wahl einer (Teil-) Öffentlichkeit durch die Nutzenden. Zur besonderen Qualität der Angebote gehört es, dass Kindern die Reichweite ihrer Handlungen im Netz bewusst wird. Die Art der Öffentlichkeit und Privatheit des jeweiligen Handels („Wer kann das sehen?“) gehört zu den Grunderfahrungen der Selbstwirksamkeit im Mitmach-Netz. Die Möglichkeit der Errichtung begrenzter und verifizierter Handlungs- und Freundschaftsräume, die bei Einsteigern auf Onground-Beziehungen beruhen („Meine Klasse“, „meine Fußballmannschaft“, „die Kinder aus meiner Straße“) sind eine besondere Qualität für die Social Web- Angebote.

Das Erlernen der Kategorie „Privatheit“ als besonderes, schützenswertes Gut für den Einzelnen sowie der Kategorie „Öffentlichkeit“ als selbstbestimmt, kooperativ und sozial verantwortlich zu gestaltenden Raum gehört zu den wichtigsten Medienbildungsaufgaben der infrage kommenden Angebote. Da eine reine Anonymisierung, und die damit einher gehende Doppelidentität für Kinder nur schwer umzusetzen ist und dem Anspruch auf „authentische“ Beziehungen in Konflikt steht, ist eine Begrenzung der Öffentlichkeit und eine Korrektur der eigenen Präsenz für Kinder zentral: Nur so sind auf der Basis der Rückmeldungen ein Probehandeln und eine Arbeit an der eigenen Identität möglich. Die Angebote ermöglichen eine stufenweise Aneignung des Social Web in begrenzten Teilöffentlichkeiten und deren bewusste Erweiterung auf größere Öffentlichkeiten.

4.      Werbung und Verkauf
Grundsätzlich soll – wie bei anderen Medien auch – eine größtmögliche Trennung von (auch von Nutzern generierten) Inhalten und Werbebotschaften erreicht werden. Die Kommunikate der Werbetreibenden müssen eindeutig als solche zu erkennen sein, insbesondere ist einer Vermischung von Werbetreibenden und Nutzern in der Wahrnehmung von Kindern vorzubeugen.

Social Web Angebote für Kinder sind vorrangig als Plattformen für Peeraktivitäten anzusehen: Virales Marketing und individualisierte Kaufempfehlungen gehören nicht auf diese Angebote. Werbung, die im Kontext von Prozessen der Identitätsarbeit von Kindern und Jugendlichen angesiedelt ist, ist ebenfalls höchst problematisch. Werbefreiheit ist insbesondere bei Angeboten für jüngere Kinder ein besonderes Qualitätsmerkmal.

5.      Datenschutz und Privatsphäre
Die Anbieter halten sich an die Datenschutzregelungen des Bundes und der Länder, und insbesondere an das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Sie orientieren sich am „Verhaltenskodex für Betreiber von Social Communities bei der FSM“.

Die Anbieter erheben so wenige Daten wie möglich, nutzen diese Daten zu keinen anderen als den transparent gemachten Zwecken und geben diese Daten nicht an Dritte weiter. Verifikationssysteme sollten eindeutig und sicher (z.B. Briefweg) sein. Die Eltern werden über das Angebot informiert und ihre Zustimmung wird eingeholt. Die Angebote sorgen dafür, dass keine Klarnamen, Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten oder andere Daten, die eine Identifikation von Personen außerhalb abgesicherter Teilöffentlichkeiten ermöglichen, einsehbar sind. Auch Profildaten und Kommunikate der Nutzenden sollten entsprechend der individuellen Sichtbarkeitseinstelllungen nur innerhalb eines Angebotes von anderen Nutzern eingesehen werden können, insbesondere sollen sie nicht von ‚außen’ mit Suchmaschinen gefunden werden können.

Burkhard Fuhs / Erfurter Netcode, Oktober 2011